: Männlichkeit, Großzügigkeit und die Verfallszeiten guter Vorsätze :


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Kot und Tod mit Biosiegel
Das reinste Putengrauen

Trinkbares Geld
Gastronomie mit Tücken


Sep. 2013 Kot und Tod mit Biosiegel
Das reinste Putengrauen

von Walter Budziak

Ein weiteres Kapitel in der langen Geschichte der unsäglichen Barbarei, denen Tiere in der Massentierhaltung auch in Deutschland ausgesetzt sind, veranschaulichen Bilder der Tierrechtsorganisation Animal Rights Watch, die Spiegel Online am 3. September veröffentlichte.

Zu sehen sind vom Kopf abwärts bis auf die Haut gerupfte Puten, die in einem Morast aus Stroh und Kot waten. Oder apathisch hocken. Bei vielen klaffen großflächig offene Hackwunden an Hinterkopf und Hals. Hinter milchglasgetrübter Hornhaut erblindete Augen unterstreichen die Hilflosigkeit von Kreaturen, denen sichtbar jegliches aktive Leben entrissen wurde. Allesamt verdonnert zu einem allein der Profitgier ihrer Folterer dienenden passiven Leben. Beulen, groß wie Tisch- und Tennisbälle an Brust und Rücken lassen die dichtgedrängt dahinvegetierenden Gestalten aussehen wie Häftlinge nach jahrelanger Knechtschaft bei Brot und Wasser im Kohlestollen.

Dazwischen immer wieder Puten, die es nicht bis zu ihrer Erlösung ins Schlachthaus geschafft haben. Und damit auch nicht bis zu ihrer anschließenden Auszeichnung mit dem “Bio”-Siegel.

Auf Einzelheiten wie Zuchtziele und Mastmethoden soll hier nicht weiter eingegangen werden. Wer will, kann sie nachlesen. Hier soll bestenfalls angeregt werden, über einige Fragen nachzudenken.

Kann eine Gesellschaft in der Mitte Europas, die auch nur ansatzweise als zivilisiert wahrgenommen werden will, einen solchen bestialischen Umgang mit Lebewesen hinnehmen? Dulden? Auch nur denken? Noch dazu in industriellem Ausmaß?

Entschuldigung bitte, aber wirtschaftlich doch anders gar nicht mehr zu machen, und schließlich geadelt mit dem Gütesiegel aller Umweltbewussten, aller Tier- und Pflanzenversteher: BIO!? Und bitte schön, 3 Euro 80 für ein Kilo Putenbrust, mehr gibt der Markt nicht her, alles muss auch irgendwie bezahlbar bleiben, muss sich auch irgendwie rechnen.

Die Todesrate von Bio-Puten ist dem Spiegel Online-Bericht nach höher als in konventionellen Geflügel-Gulags. Diejenigen, die seit jeher, immer noch, oder wieder jedes Billigschnitzel auf dem Grill verkohlen, haben entweder noch nie etwas von einer Massentierhaltung gehört, und wenn, können sie ohnehin nichts dagegen machen. Oder sie finden Massentierhaltung ja auch nicht wirklich gut, halten sie aber für notwendig und irgendwie auch zwangsläufig. Erinnert irgendwie an die Ausreden der meisten Deutschen zu den Konzentrationslagern der Nazis.

Aber die Bio-Erleuchteten, die haben sich doch von den Geflügel- und sonstigen Mästern abgewendet, auch weil sie diese tierische Massenquälerei verabscheuten. Und müssen jetzt erkennen, dass es all dem freiland-, umweltschonend und artgerecht gehaltenem Massengetier noch schlimmer ans Leder geht als deren Leidensgenossen in den vergitterten Folteranstalten. Wie vereinbaren die das miteinander? Welche Konsequenzen sollten, müssten die ziehen? Wenn Selbstachtung als Mensch und Respekt vor allen Lebewesen noch irgendeinen Wert haben sollen?

Viele weitere Fragen kleben an den Spiegel Online-Bildern. Ganz vorneweg diese: Wie kann jemand, intelligent vielleicht, erfolgreich, gesellschaftlich anerkannt, möglicherweise auch politisch engagiert, der auf so einem unsäglichen feigen schäbigen Folterunternehmen seinen Lebensunterhalt gründet, damit ein Vermögen aufhäuft, seine Frau verwöhnt, seine Kinder ernährt, wie kann so jemand gut gelaunt, gar stolz in den Spiegel sehen, ruhig schlafen, seine Frau streicheln, seinen Kindern ein liebevoller Vater sein, seinen Hund zur Gallen-OP in die Tierklinik fahren? Wie tief sind auch bei diesem Beispiel die Abgründe der menschlichen Existenz? Mitunter einfach nur zum Hineinkotzen.

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Juli 2012 Trinkbares Geld
Gastronomie mit Tücken

von Walter Budziak

Der Genuss auch des saftigsten Steaks und des erlesensten Weins hinterlässt in Restaurants, Tavernen oder sonstigen Esslokalitäten oft einen faden Nachgeschmack, wenn um die Rechnung gebeten wird. Nicht wegen der Höhe des Betrags. Der ist anhand der Speisen- und Getränkekarte vorher kalkulierbar. Wegen der Fragen, die konfrontativ gestellt werden. Zumindest bei geschlechtlich gemischten Gästepaaren. "Geht das zusammen oder getrennt?" Fast immer ist der männliche Teil der Tischgesellschaft der Gefragte. Und damit der Gekniffene.

Das ist diskriminierend. Egal, ob die Bewirtung männlich oder weiblich ist, so etwas wie Emanzipation ist bis zum deutschen Gastronomiepersonal bis heute nicht vorgedrungen. Wobei im Ausland auch kein nennenswerter Vorsprung erkennbar ist, was zur Ehrenrettung allerdings wenig beiträgt.

Bei Verheirateten, die ihre Ehelichkeit seit Jahrzehnten auch äußerlich schautragen, wäre diese Konfrontation mit Rollenklischees, die inzwischen mit dem Mittelalter in Verbindung gebracht werden, noch hinnehmbar. Richtig peinlich, ärgerlich und unerwartet teuer kann es werden nach einem unverfänglichen Abendessen mit einer Arbeitskollegin. Besonders, wenn sie vorgesetzte Attribute einbringt. Auch nach einem gemeinsamen Ausgehen mit einer ehemaligen Schulfreundin, die man nach zig Jahren zufällig wiedergetroffen hatte. Oder, ganz blöd, nach einem ersten, zweiten, dritten Flirt oder gar Date, geschmiedet in den Kuppelportalen des Internets.

“Ist der im Büro genau so knickerig wie privat?” “Ist er jetzt freigiebiger geworden oder schließt er sich immer noch auf dem Klo ein, damit ihm keiner was von seinem Pausenbrot wegnimmt?” “Hat der nicht auch schon so komisch reagiert, als ich ihn um einen Euro für die Parkuhr gebeten hatte?” Die Fragen prangen den Frauen wie Plakatwände auf der Stirn. Besonders denen, die keine Gelegenheit ausgelassen hatten, ihre Selbstständigkeit und Unabhängigkeit zu betonen.

Also zusammen. Großzügigkeit ist die Seele der Männlichkeit. Dieses eine Mal noch. Aber danach nie wieder. In Zukunft besser aufpassen, vorher abklären. Wie schon Hunderte Male fest vorgenommen. Die Verfallszeiten von guten Vorsätzen sind immer wieder erschreckend.

Die Gedanken an die erneute Niederlage kreisen noch bei den Kontoständen der letzten Wochen und Monate, da schmettert der nächste Hammer in die bis dahin schon getrübte Befindlichkeit. Trinkgeld. Ob überhaupt. Wieviel. Verdammt. Warum jedes Mal dieses gedankliche Gezerre um dieses verschämte und nirgendwo erklärte Unwort. Trinkbares Geld? Geld zum Trinken? Geld, nur zum Vertrinken? Wie Trinkschokolade? Oder Trinkgelage? Wieviel ist angemessen, wieviel wird erwartet, wieviel darf man überhaupt geben, ohne sich fragen zu müssen, ob man den Wirt nicht dabei unterstützt, seine Arbeitskräfte mit Hungerlöhnen auszubeuten? Was denken die von einem, wenn man so viel? Oder weniger? Oder gar nichts? Kann man hier nochmal hingehen? Will man hier noch mal hingehen? Und warum immer auf den, der sowieso schon für die Frau mitbezahlt, die er garantiert nicht mehr, vielleicht nicht mehr oder jetzt erst recht nicht mehr wiedersehen will?

In Japan und China galt Trinkgeld einst als Beleidigung. Aber selbst dort ist diese Unsitte inzwischen heimisch.

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